Noch ein Experiment aus Neukölln: Rixdorf hat Geburtstag
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Newsletter des Kulturamtes Neukölln:
Noch ein Experiment aus Neukölln: Rixdorf hat Geburtstag
Eine Kommune wird 650 Jahre alt? In Deutschland nichts Besonderes.
Wenn aber eine Gemeinde Geburtstag hat – am 26. Juni vor 650 Jahren wurde das Dörfchen Rixdorf, heute Neukölln, gegründet -, deren Bürger mehrheitlich nichts mit dieser lokalen Geschichte zu tun haben, sondern aus mehr als 165 Ländern dieser Welt hier zusammenkommen – . so sollten sich ein paar Fragen neu stellen.
„Wie feiert man ein Stadtjubiläum so, dass es die Neuköllner Bürger heute angeht und nicht die meisten von ihnen ausschließt?“ – das war die Herausforderung für die Fest-Beauftragte, die Kulturamtsleiterin Dr. Dorothea Kolland, in der bundesrepublikanischen Kulturlandschaft bekannt für innovative Impulse in Sachen Stadtkultur und Diversity“.
Neukölln: Hot Spot nicht nur in Sachen soziale Spannungen und Integrationsprobleme, sondern auch in Sachen Bildungsexperimente, Kunst- und Kreativitätsboom, aufregende Stadtkultur, Melting Pot von Weltkultur: Ein Stückchen Berlin voller Potentiale.
Dieser doppelten Herausforderung stellt sich das Festprogramm – im Sinne eines sehr klugen Nachdenkens des ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau: „Was bedeutet Geschichte als Quelle für Identifikation und Identität einer Gesellschaft, in der Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und Kultur zusammenleben?“
Deshalb laden wir alle Neuköllnerinnen und Neuköllner und unsere Freunde aus dem Rest der Welt ein, gemeinsam zu feiern – ob ihre Vorfahren nun schon zu den „Gründern“ zählten, ob sie vor 270 Jahren als Glaubensflüchtlinge nach Rixdorf, später Neukölln genannt, kamen, ob sie Arbeit suchend um 1900 das Dorf zur Großstadt machten, ob sie als Gastarbeiter in der Nachkriegszeit oder als Flüchtlinge aus aller Welt in Neukölln eine neue Heimat fanden, ob sie als Künstler oder Studenten die besondere offene Atmosphäre dieses Bezirks suchen: Sie alle sind willkommen, um gemeinsam die bunte, vielfältige, junge alte Heimatstadt Neukölln zu feiern und ihre Zukunft mit zu gestalten.
Neukölln war über Jahrhunderte in der Lage, mit Problemen und Konflikten so umzugehen, dass daraus Zukunft entstehen konnte. Dass Probleme zu Potenzialen werden, wird auch in Zukunft so sein. Die Leitidee des Stadtjubiläums: Rixdorf/Neukölln war und ist Ort der Zuwanderer – sie haben die Geschichte des Bezirks mitgeprägt, und sie prägen das Gesicht Neuköllns heute. Wir wollen die gemeinsame Geschichte sichtbar machen, und wir werden gemeinsam feiern.“
Mit sehr wenig Geld und von vielen Ideen kreativer Menschen gesponsert präsentiert sich ein bemerkenswertes Programm, das neue benchmarks setzt im Umgang mit Stadtkultur&Stadtgeschichte.
Die Highlights:
Die Leitpublikation: Der Neukölln-Comic
Weltreiche erblühten und fielen
650 Jahre Geschichte Rixdorfs und Neuköllns
Die Zeichnerin und Filmemacherin Anna Faroqhi, Neuköllner Künstlerin, setzt die Potentiale des „Melting Pots“ mit Frechheit und Nachdenklichkeit um und erzählt denen, die mit (Lokal)Geschichte eher wenig zu tun haben (wollen), die aufregende Geschichte des Dörfchen Rixdorf, das 1900 plötzlich 250 000 Einwohner hatte. Wo kamen die nur alle her?
Erscheint am 18.6. 2010, 110 Seiten, Dagyeli Verlag, ISBN 978-3-935597-82-1, 9,50 €
(Zweite) Heimat Neukölln – Stadtteilführungen: zehn Frauen, fünf Stadtteilführungen. Alle Stadtteilführerinnen wohnen in Neukölln, manche waren Stadtteilmütter und alle sprechen neben Deutsch weitere Sprachen: Kurdisch, Türkisch, Russisch, Englisch, Arabisch, Aserbaidschanisch, Polnisch. Neukölln ist ihre zweite Heimat, für einige der Ort ihrer Wahl, für andere ein Zufluchtsort. Mit ihrem Blick zeigen sie ihren Bezirk.
www.kulturbewegt.de/projekte/stadtteilführungen/zweite-heimat-neukölln.html
Weltbürger. 650 Jahre Neukölln in Lebensgeschichten.
Diese Ausstellung wird nicht 650 Jahre zurückliegende Geschichte betrachten, sondern Weltgeschichte summieren, so wie sie heute in Neukölln lebende Menschen erfuhren (und meist erlitten), nach Neukölln mitgebracht haben und die mit diesen Erfahrungen, Kompetenzen und manchmal auch traumatischen Erfahrungen die neue Identität Neuköllns heute prägen.
Ausstellung in der Galerie im Saalbau
21. Juni bis 30. Oktober 2010. www. kultur-neukoelln.de
Urban Memories. Kunstaktionen und Ausstellung
Das mittlerweile spektakuläre Kunst – und Kulturfestival „48 Stunden Neukölln“ (25. – 27.Juni) steht unter dem Leitmotiv Erinnern. Vergessen. Bewahren. Verlieren. Was wollen wir lieber vergessen? An was erinnern wir uns gern? Wo liegen unsere Wurzeln und kulturellen Bezugsrahmen ? Die künstlerische Auseinandersetzung mit Erinnern und Geschichte ist der Kommentar der jungen, vibrierenden, experimentellen Kunstszene Neuköllns zum Stadtgeburtstag.
„Altes Museum“, Ganghoferstraße (ab 25.06.) und an vielen öffentlichen und versteckten Orten. www.48-Stunden-Neukoelln.de
Mit Pauken und Trompeten – Festkonzert
Als kleine Verbeugung an den ureigensten Beitrag Rixdorfs zur Musikgeschichte Berlins – die Gründung des ersten Posaunenchors in der böhmischen „Brüdergemeine“ – wird ein vergnügliches Konzert mit Blasmusik quer durch die Musikgeschichte (ab 1350) und durch die in Neukölln heute versammelten Weltkulturen erklingen.
25.Juni, 19:00, Richardplatz, www.kultur-neukoelln.de
DENK-mal! ….100 Wörter – 100 Sprachen
Die temporäre Kunstinstallation, erarbeitet von Jugendlichen und Künstlern, will Diversität in ihrer Vielfalt und Differenz durch die Vielzahl der in Neukölln gesprochenen Sprachen sichtbar machen: Diversity als Vervielfältigung von Potenzialen, aber auch als Schlangengrube von Missverständnissen.
Enthüllung am Tag des offenen Denkmals, Sonntag, 12.September 2010, Platz der Stadt Hof. Kontakt: denkmal-neukoelln@googlemail.com
Um diese experimentellen Highlights gruppieren sich viele weitere Veranstaltungen.
Der Festreigen beginnt am 16. Mai mit der Wiedereröffnung des Museums Neukölln an neuem Ort – dem Gutshof Britz – mit neuer Dauerausstellung: 99 x Neukölln: 99 Objekte, untersetzt mit vielen digital und medial abrufbaren Informationen. Museum vom Feinsten und Neusten.
Infos: 627277-728, www.museum-neukoelln.de
Das Festprogramm wird im Dezember mit einer gemeinsamen Begehung der Stolpersteine entlang der Karl-Marx-Straße beendet – wir gedenken der Neuköllner, die durch die Verfolgungs-und Vernichtungspolitik der Nazis ums Leben kamen.
Das komplette Programm ist abzurufen unter www.kultur-neukoelln.de.